Liebe Freunde des Vereins connect

Geht es euch wohl auch so wie uns im Schreibatelier? Eben hat das neue Jahr erst begonnen und – schwupps – ist schon die Hälfte vorüber. Gerne berichten wir euch über unsere kleinen und grossen Abenteuer aus dem Vereinsalltag.

 

Geschichten aus dem Schreibatelier – Gottardo berichtet von unserem Arbeitsalltag

«Arbeiten ist schön – ich könnte stundenlang zusehen» sagt der Volksmund etwas zynisch. Nun gibt es allerdings auch Zufallsmomente, bei denen sich mein schlechtes Gewissen wegen einer Prise Voyeurismus nicht gleich auf der Anklagebank sehen muss. So geschehen am ersten Sonntag im Jahr auf dem Motorschiff Berner Oberland. Kurz vor Mittag sticht der Kurs 13 mit meiner Wenigkeit und einer hungrigen Gästeschar in See – das Servicepersonal ist offensichtlich gefordert! Unter ihnen rotiert ein junger Syrer in festlicher Kellner-Uniform mit eleganter Bistroschürze und Accessoires, die mit dem einheitlichen Look einhergehen. Ich halte augenblicklich inne, reinige instinktiv meine Brille, um sicher zu gehen, dass ich hier nicht einem peinlichen Trugbild aufsitze … Lies: Der gleiche Kellner war noch die Woche zuvor in unserem Atelier, um sich nach abgeschlossener Lehre als Restaurantangestellter EBA mit entsprechenden Bewerbungen in der Gastronomie anzubieten. «Unser Mann» war beim RAV mit administrativen Auflagen etwas auf Kriegsfuss, hat aber ansonsten Manieren «comme il faut» und spricht neben vier Sprachen auch den Dialekt nachgerade perfekt, so dass man die kleinen Nuancen schon nach dem dritten Bier gar nicht mehr als solche wahrnimmt. Eine Wette, wonach der Jüngling zu 100% eine Stelle finden werde, wurde übrigens intern gar nie abgeschlossen, da niemand dagegen halten wollte. Dies als kleines Beispiel nur, dass wir manchmal auch als Brückenbauer schöne und erfreuliche Erfolge feiern können, selbst wenn der sympathische und hochanständige Syrer zweifelsohne seinen Weg auf eigenen Beinen machen wird!

Ja – und da ist noch dieser zugängliche Familienvater aus dem Osten des Sudans, ein «Stammkunde» gewissermassen. Der Schreiber nennt ihn einmal «Pechvogel», auch wenn der mittlerweile eingebürgerte Schweizer keinesfalls den Eindruck erweckt, als würde er sich im Selbstmitleid suhlen. Aber er hat unser Atelier schon mehrmals (und bescheidener weise vermerkt: erfolgreich) aufgesucht wegen eines rechtswidrigen Mieterstreits, wegen einer Autobatterie, die ihm die Opel-Vertretung hierzulande (!) partout nicht ersetzen konnte und wegen eines unfallmässigen Zahnschadens mit seinem kleinen Sohn in der Badewanne, der mit blutigen Folgen auf der Notfallaufnahme endete … Als wäre dies binnen kurzer Zeit an Unannehmlichkeiten nicht genug, erzählt uns der Sudanese ferner vom Malheur seiner Tochter, die während der Ostertage ihre «TCL-Uhr» auf dem Spielplatz beim Thunerhof verlor. Dazu muss man wissen, dass die 7-Jährige in Bern regelmässig eine Sprachheilschule aufsucht und der Vater insofern auf ihren Aufenthaltsort dringend und dauerhaft angewiesen ist. Ein letztes Zeichen auf das verbindende Medium wies auf eine Adresse in Steffisburg hin, wegen eines leeren Akkus allerdings erwies sich die Verbindung seither als tot … Wir schrieben einen Brief an die dortigen Anwohner und baten um Aufmerksamkeit und Mithilfe. Und tatsächlich: Nur wenige Tage danach erhielt unser Kunde die verlorene Uhr postalisch zurück und seine Tochter konnte wieder in gewohntem und sicherem Umfeld die Sprachheilschule besuchen. Hierfür war der Vater ausserordentlich dankbar: In einem persönlichen Telefonat äussert er sich mit den Worten: «Ihre Arbeit ist unbezahlbar, nur Gott kann entschädigen, was Ihr alle für uns tut!».

 

Austauschabend für unsere Freiwilligen: Mitgefühl zeigen – gut für sich selbst sorgen

Anfang Juni trafen sich unsere freiwillig Engagierten zum Austauschabend, um gemeinsam über ein Thema nachzudenken, das viele in ihrem Engagement bewegt: Wie gehen wir mit unseren eigenen Gefühlen in der Begegnung mit Klientinnen und Klienten um?

Die Freiwilligenarbeit schenkt wertvolle Begegnungen und bereichernde Erfahrungen. Gleichzeitig erleben wir Menschen oft in herausfordernden Lebenssituationen. Es ist deshalb ganz natürlich, dass uns diese Begegnungen berühren und unterschiedliche Gefühle auslösen – von Freude und Dankbarkeit bis hin zu Sorge, Hilflosigkeit oder Überforderung.

Im Mittelpunkt des Abends standen der offene Austausch und die gegenseitige Unterstützung. In verschiedenen Übungen und Gesprächsrunden setzten sich die Teilnehmenden mit ihren eigenen Emotionen auseinander und reflektierten, wie sie achtsam und gesund damit umgehen können.

Besonders wichtig war dabei das Spannungsfeld zwischen Mitgefühl und Abgrenzung: Mitfühlen bedeutet, Menschen aufmerksam und empathisch zu begegnen – ohne dabei die eigenen Grenzen aus den Augen zu verlieren. Gemeinsam haben wir darüber gesprochen, was uns im Alltag stärkt und welche Strategien helfen können, gut für uns selbst zu sorgen. Denn nur wer auch auf die eigenen Bedürfnisse achtet, kann langfristig für andere da sein. Unser Leitsatz des Abends bringt es auf den Punkt: „Ich darf für andere da sein – und gleichzeitig gut für mich sorgen.“

Ein herzliches Dankeschön an alle Freiwilligen für ihre Offenheit, ihre wertvollen Beiträge und ihr grosses Engagement. Der Austausch hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und sich gegenseitig zu unterstützen.

 

Wenn Nachbarschaftshilfe spontan Grosses bewirkt

Das Engagement unserer Freiwilligen beeindruckt immer wieder aufs Neue – auch wenn unsere Gruppe noch nicht sehr gross ist. Neben den regelmässig stattfindenden Tandems sowie ihrem Einsatz im Schreibatelier und im Vereinsvorstand sind viele von ihnen auch bei spontanen Kurzzeiteinsätzen sofort zur Stelle. So auch kürzlich nach einem dringenden Anruf der Sozialdienste Heimberg, die kurzfristig Unterstützung bei Einkäufen suchten: nachgefragt – zugesagt – erledigt. Grandios! Genau so macht Nachbarschaftshilfe Freude.

 

Unser Traum für die Zukunft

Unser Wunsch für das Schreibatelier bleibt derselbe: ein Ort, der persönlicher ist – ein Raum, den wir selbst gestalten können. Ein Ort mit mehr Privatsphäre, mehr Wärme und mehr Möglichkeiten für Begegnung und Austausch. Im Moment ist dieser Traum noch Zukunftsmusik. Doch wir bleiben dran und suchen weiterhin nach passenden Lösungen. Dank der Erweiterung des Angebots im Schreibatelier konnten wir die bestehenden Engpässe vorerst auffangen und wichtige zusätzliche Kapazitäten schaffen.

 

Dank

Zum Schluss möchten wir allen von Herzen danken, die den Verein connect auf vielfältige Weise unterstützen. Unser Dank gilt unseren engagierten Freiwilligen, unseren Mitgliedern, Spenderinnen und Spendern, unseren Partnerorganisationen – und euch, lieben Leserinnen und Lesern. Euer Interesse, eure Ermutigung und eure Verbundenheit tragen dazu bei, dass unsere Arbeit möglich wird.

Jede Form der Unterstützung zählt: Zeit, Ideen, Vertrauen, finanzielle Beiträge oder das Weitererzählen unserer Angebote. Gemeinsam schaffen wir Begegnungen, bauen Brücken und stärken den Zusammenhalt in unserer Gemeinde.

 

Wir freuen uns darauf, diesen Weg auch in Zukunft gemeinsam weiterzugehen.

 

Herzliche Grüsse

Regula Ringgenberg